Buchtipps der Teilnehmer von 

Literatur am Küchentisch vom 7. Juli

Michael Kumpfmüller   Die Herrlichkeit des Lebens

Überlebensgroß ist der Mythos Franz Kafka, dessen Nachruhm als Schriftsteller scheinbar mit einem weithin unglücklichen Leben erkauft wurde. Doch nun wirft Michael Kumpfmüller ein helles, fast heiteres Licht auf den berühmten Dichter und zeichnet liebevoll und diskret einen Menschen, der in seinem letzten Jahr die große Liebe findet und sein Leben in die Hand nimmt, bevor es dafür zu spät ist. Im Sommer 1923 lernt der tuberkulosekranke Franz Kafka, als Dichter nur Eingeweihten bekannt, in einem Ostseebad die 25-jährige Köchin Dora Diamant kennen. Und innerhalb weniger Wochen tut er, was er nicht für möglich gehalten hat: Er entscheidet sich für das Zusammenleben mit einer Frau, teilt Tisch und Bett mit Dora. In Berlin wagt er mit ihr das gemeinsame Leben, mitten in der Hyperinflation der Weimarer Republik. 
Fazit
Ein leises Buch über Kafkas letzte Liebe, die einzige für die er sich je entschieden hat. Dora, mit beiden Beinen im Leben stehen begleitet den todkranken Mann, ohne sich selbst aufzugeben. Einfühlsam und bildreich.

Jochen Missfeldt  Sturm und Stille   

Die Liebesgeschichte von Theodor Storm und Doris Jensen, seiner langjährigen Geliebten und späteren Ehefrau, erzählt vom Storm-Biografen Jochen Missfeldt. Kurz nachdem Theodor Storm seine Verlobte Constanze Esmarch 1846 geheiratet hat, geht er eine leidenschaftliche Liebesbeziehung mit der achtzehnjährigen Doris Jensen ein. Sie stammt wie er aus Husum, ist die Tochter des wohlhabenden Holzhändlers und Senators Peter Jensen. Dessen Familie zählt, wie auch Storms Familie mütterlicherseits, zum Husumer Patriziat: Man besucht sich, trinkt Tee und Punsch und spielt Whist und L'Hombre. Die Liebe der beiden ist für Storms junge Ehe eine schwere Belastung. Erst im Jahr 1848, Constanze ist im dritten Monat schwanger, geht Doris - wahrscheinlich auf Druck der Familienoberen - von Husum fort. Für sie beginnt eine fünfzehn Jahre währende Odyssee, eine Zeit des Lernens und der Selbstbehauptung. Doch das Liebesverhältnis dauert an, und als Constanze nach der Geburt ihres siebten Kindes überraschend stirbt, finden die beiden endlich zueinander. 

Fazit
Eine starke Frau verliebt sich in einen schwachen Mann. Sie muss die Konsequenzen tragen, inspiriert ihn aber zu vielen seiner Werke.
Auch hier sehr einfühlsam, elegant und spannend erzählt.
Das Buch hat viel von Storms Sprachduktus.

Bergland von Jarka Kubsova

Es ist eine raue, unwirtliche Gegend, in der Rosa Breitenberger, die "Innerleit-Rosa", benannt nach ihrem Hof, aufwächst. Ein abgelegenes Tal im Südtirol der 1920er und 30er-Jahre. Die Arbeit ist hart, die Familien sind groß, die Hänge sind steil und das Heu-Machen mühsam. Die Leute haben für sich das Nötigste und tauschen den Rest. Wer kann, der geht in die Stadt, so wie Rosas Schwestern. Rosa bleibt und sie bleibt auch, als ihre Brüder in den Krieg ziehen und der Vater, Jahre nach dem Tod der Mutter und tief verletzt wegen des Verlustes der Söhne, ebenfalls zu Grabe getragen wird.

"Bergland" ist der erste Roman der in Tschechien geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Autorin Jarka Kubsova. Sie beschreibt darin das Schicksal von Rosa, die es schafft, allen widrigen Umständen der Zeit zu trotzen - dem Krieg, den Restriktionen, den harten Lebensbedingungen - und sich und ihren Hof durchzubringen. Im Gegenschnitt blickt sie auf das, was zwei Generationen später vom "Innerleit-Hof" übrig geblieben ist: Ein Pseudo-Bauernhof, der auf Feriengäste angewiesen ist und bei dem das bisschen Milchvieh und alle anderen Tiere vor allem dafür da sind, den Gästen ein Gefühl für Natürlichkeit und Landlust zu vermitteln. Wieder ist es eine junge Frau, die das Schicksal des Hofes in den Händen hat: Franziska, die Frau von Rosas Enkel Hannes. Die Inszenierung eines perfekten Bauernhof-Idylls zum Wohle der Gäste ist ihr zwar zuwider, dennoch weiß sie, wie sehr sie auf deren Geld angewiesen sind. Um etwas mehr Geld für ihre Zimmer verlangen zu können, versucht sie händeringend ein Upgrade ihres Hofes beim Tourismus-Dachverband zu erreichen.



Fazit:

Ein tolles Buch über die Identifikation des Menschen mit seiner Heimat, über die Tücken der Moderne und den Verlust der Heimat durch sie. Der Mensch verliert immer mehr den Bezug zu seiner natürlichen Umgebung und flüchtet sich in Schein-Idyllen.





Natscha Salomon - Als die Liebe zu Elise kam

Im Frühling des Jahres 1938 kommt Elise Landau nach Tyneford House, einem Anwesen an der Südküste Englands. Die junge Jüdin aus wohlhabender Familie erwartet hier eine Anstellung als Hausmädchen. Eltern und Schwester musste sie in Wien zurücklassen. Über England weiß Elise nichts – nur, dass es ihr dort nicht gefallen wird. Doch tapfer poliert sie Silber und serviert Drinks, mit der Perlenkette ihrer Mutter unter der Schürze. Einziger Lichtblick: Kit, der Sohn des Hausherrn. Mit ihm erlebt sie ihre erste zarte Liebe – eine Liebe gegen die Konventionen. Dann erreicht der Krieg das beschauliche Dorset und beschwört Ereignisse herauf, die Tyneford House und seine Bewohner für immer verändern. Elise erkennt, dass sie keine andere Wahl hat, als ihr altes Leben komplett hinter sich zu lassen ... 
Fazit
Ein ernstes Thema wird sehr unterhaltsam erzählt. Das kitschige Cover läßt auf ein typisches "Frauenbuch" schließen, weit gefehlt. Der Krieg und seine Auswirkungen auf die Menschen und Gesllschaft als Ganzes - erzählt durch das Schicksal einer mutigen, jungen Frau.
Empfehlenswert.

Kent Haruf    Ruf der Weite

Victoria, siebzehn und schwanger, wird von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt. Da überredet ihre Lehrerin Maggie die Brüder McPheron, zwei alte Viehzüchter, das Mädchen bei sich aufzunehmen. Ein erst widerwilliger Akt der Güte, der das Leben von sieben Menschen in der Kleinstadt Holt in Colorado umkrempelt und verwandelt. Vom Autor des Bestsellers 'Unsere Seelen bei Nacht' (ebenfalls absolut lesenswert). 
Fazit:
Als Leser bewegen wir uns wie selbstverständlich in den Leben, der Protagonisten, sind bald schon keine Zuschauer mehr. Man ist eingebunden in einen Alltag, der oft scheinbar ereignislos dahingeht und so aufregend ist in seinen Herausforderungen wie unser aller Leben. Haruf ist ein großartiger Erzähler.

Anne Tyler   Verlorene Stunden

 Als Liam Pennywell seinen Job verliert, beschließt der 60-Jährige aus seinem Haus in eine Wohnung zu ziehen. Er hofft, dort Ruhe zu finden und auf sein Leben zurückblicken zu können. Doch dann kommt alles anders: Liam wird in der ersten Nacht in seinem neuen Heim überfallen. Als er am nächsten Tag im Krankenhaus aufwacht, kann er sich nicht an die Geschehnisse erinnern. Von da an ist er nur noch von einem einzigen Gedanken besessen: Er muss sein Gedächtnis wiedererlangen. Auf der Suche nach dem verlorenen Stück Leben lernt er die 22 Jahre jüngere Eunice kennen. Obwohl sich ihre Welten grundlegend voneinander unterscheiden, fühlen sich die beiden zueinander hingezogen. Doch als Liam erfährt, dass Eunice bereits verheiratet ist, droht ihre Liebe zu zerbrechen. 

Fazit:
 Tyler beleuchtet  scharfsinnig das Leben eines einsamen Mannes, das plötzlich kopfsteht, obwohl es schon in den letzten Zügen  zu sein schien . 

Joachim Meyerhoff   Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Die Kindheit auf dem Gelände einer riesigen Psychiatrie und das Austauschjahr in Amerika liegen hinter ihm, der gerade zwanzig gewordene Erzähler bereitet sich auf den Antritt des Zivildienstes vor, als das Unerwartete geschieht: Er wird auf der Schauspielschule in München angenommen und zieht in die großbürgerliche Villa seiner Großeltern in Nymphenburg. Seine Großmutter ist eine schillernde Diva und selbst ehemalige Schauspielerin, sein Großvater emeritierter Professor der Philosophie, eine strenge und ehrwürdige Erscheinung. Ihre Tage sind durch abenteuerliche Rituale strukturiert, bei denen Alkohol eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Unter ihrem Einfluss wird der Erzähler zum Wanderer zwischen den Welten. 

Fazit
 Berührend und komisch ist diese autobiografische Familienportrait. Unmittelbar und authentisch geschrieben, einfühlsam und mit viel Empathie.
LESENSWERT


Café Mandelplatz
von Christina Brudereck

Ein jüdisches Café, Johannesburg, Südafrika, 1960. Mima Mandelbaum ist Eigentümerin und Seele dieses besonderen Ortes. Sie serviert erfrischende Ingwerschorle, koscheren Wein, Bagels und Menüs voller Fantasie. Und sie hütet ein gefährliches Geheimnis. Während um sie herum alle wegschauen, wird Mima immer tiefer in den Widerstand gegen das Apartheidregime hineingezogen. Bis irgendwann das Leben ihrer eigenen Familie auf dem Spiel steht.


Fazit
Das Buch ist ein Lesegenuss Es lädt ein in das Café Mandelplatz, um dort zu verweilen. Die Geschichte seiner Besitzerin ist spannend und traurig. Sehr eindrücklich wird die Geschichte Südafrikas und der Apartheit dem Leser vor Augen geführt und man verzweifelt mit der Besitzerin des Cafés an diesem System. Eine starke Frau, die trotz allen Widrigkeiten ihres Lebens nie aufgibt und weiter ihren Idealen folgt. 

Rebecca Wait  Das Vermächtnis unserer Väter
 

"Er war sich nicht sicher, wie viele andere um ihn herum die absolut falsche Entscheidung getroffen hatten und dann damit leben mussten. Für immer gebrandmarkt von ihrer eigenen Schuld, von der nur sie wussten."Manche Dinge kann man einfach nicht begreifen, egal wie viel Zeit vergangen ist. Dazu zählt das unsägliche Verbrechen, das sich vor zwanzig Jahren auf einer kleinen Insel der schottischen Hebriden ereignet hat. Als der einzige Zeuge dieser Tat plötzlich wieder auf der Insel auftaucht, sorgt das für viel Aufregung. Verdrängte Erinnerungen und Schuldgefühle kehren zurück und mit ihnen die Befürchtung, dieser junge Mann könnte noch eine Rechnung offen haben.

 
Fazit
Harter Tobak mit einem Fünkchen Hoffnung.
Keine billige Küchenpsychologie und mit Andeutungen arbeitend, nimmt sich die Autorin Zeit für ihre Figuren.



Tove Ditlevsen  Kopenhagener Trilogie

Ahängigkeit Teil 3

In "Abhängigkeit" schreibt Tove Ditlevsen offen und absolut gegenwärtig über ihr Leben als Frau, Schriftstellerin und Mutter, über Liebe, Freundschaft und die Verlockungen…
Jugend   Teil 2
In "Jugend" zeichnet Tove Ditlevsen das Porträt einer jungen Frau im Kopenhagen der 1930er, die ihren eigenen Weg geht - kraftvoll, wild, lebendig erzählt.
Kindheit  Teil1
 In "Kindheit" erzählt Tove Ditlevsen vom Aufwachsen im Kopenhagen der 1920er Jahre in einfachen Verhältnissen. Tove passt dort nicht hinein, ihre Kindheit scheint…

Fazit
Tove Ditlevsen (1917–1976),
geboren in Kopenhagen, galt lange Zeit als Schriftstellerin, die nicht in die literarischen Kreise ihrer Zeit passte. Sie stammte aus der Arbeiterklasse und schrieb offen über die Höhen und Tiefen ihres Lebens. Heute gilt sie als eine der großen literarischen Stimmen Dänemarks und Vorläuferin von Autorinnen wie Annie Ernaux und Rachel Cusk.

Die »Kopenhagen-Trilogie« mit den drei Bänden »Kindheit«, »Jugend« und »Abhängigkeit« ist ihr zentrales Werk, in dem sie das Porträt einer Frau schafft, die entschieden darauf besteht, ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen zu leben. Die »Kopenhagen-Trilogie“ wird derzeit in sechzehn Sprachen übersetzt.  SZ

Harter Tobak ohne ein Fünkchen Hoffnung, starke Literatur einer starken Frau, die doch auf ganzer Linie gescheitert ist.


Schünemann und Volic  Kornblumenblau

 In der Nacht vom elften auf den zwölften Juli machen zwei Gardisten der serbischen Eliteeinheit ihren Routinerundgang auf dem Militärgelände von Topçider. Am nächsten Morgen werden sie tot aufgefunden. Sie seien einem unehrenhaften Selbstmordritual zum Opfer gefallen, behauptet das Militärgericht. Und stellt die Untersuchungen ein. Im Auftrag der Eltern der jungen Männer beginnt der Anwalt Sinisa Stojkovic zu ermitteln. Er bittet seine Freundin Milena Lukin, Spezialistin für internationales Strafrecht, um Unterstützung. Ihre Nachforschungen sind gewissen Kreisen ein Dorn im Auge, Milena Lukin gerät dabei in Lebensgefahr. Und es erhärtet sich ein fürchterlicher Verdacht: Die beiden Gardisten hatten vermutlich etwas gesehen, was sie nicht sehen durften. 

Fazit:
Ungewöhnliches Ermittlerpaar, ungewöhnlicher Plot mit viel Informationen zu einem Land, das zerrissen ist und immer noch unter den Auswirkungen des Balkankrieges leidet. Auch Belgrad wird  mit seiner ganzen sterbenden Grandezza beschrieben, sowie der harte Alltag der "einfachen" Leute.

Val Mecdermid   Das Grab im Moor

Die beiden ehemaligen Soldaten hatten sich die ganze Sache clever ausgedacht: Zwei flammneue Motorräder, die im Truppentransport nach dem zweiten Weltkrieg verschoben werden sollen, fallen – wie man so schön sagt – „vom Laster“. Wenn man die Maschinen jetzt ordentlich einpackt und im schottischen Moor vergräbt, kann man irgendwann zwei wunderschöne, gut erhaltene Fahrzeuge freilegen - so weit der Plan. Das Leben schrieb aber einen anderen Text, und so ist es die Enkelin des einen Soldaten, der es letztendlich gelingt, die alte Beute zu finden. Aber offensichtlich ereigneten sich noch andere Dramen um dieses Versteck, liegt doch auf dem Motorrad noch eine gut erhaltene Moorleiche – mit Nike-Turnschuhen.

Fazit:
Solide, gute Krimikost einer "Vielschreiberin", die es drauf hat.


 

Tolle Buchtipps gibt es auch bei dem Literatur Blog 

 

http://www.dielesendekaethe.de/ 

 

Katharina Severa hat hier ein wirklich tolles Forum für Literaturinteressierte geschaffen. 

 

Es lohnt sich dort zu stöbern. 

Man sollte allerdings die Seite „Den Blog unterstützen“ ruhig lesen. 

 

 

Moin Sabine ,

ich empfehle heute ein Buch aus dem Jahr 1985 , das an Aktualität bis in unsere Tage nicht verloren hat .

" Das Windrad   von Peter Härtling " 

Im Alter von 30 Jahren habe ich es zum ersten Mal gelesen und es hat mich fasziniert .

Ein Aussteigerroman , eine Geschichte über Neuanfänge und einer der ersten Romane, die sich mit

der Umweltproblematik und den daraus resultierenden politischen Auseinandersetzungen befasst.

Hier hat einer der ganz Großen der deutschen Nachkriegsautoren ein Buch über Brüche, Ängste , Zweifel

und liebevolle Neuorientierung geschrieben.

Ich habe es in der vergangenen Woche, wieder einmal dankbar, aus der Hand gelegt .
 

 

Die Geschichte eines Aussteigers.

»Plötzlich stimme nichts mehr. Die Arbeit verlor ihren Sinn. Jedes Gespräch verletzte mich, bevor es geführt wurde... Die Nachrichten im Fernsehen bestätigten mir meinen Zustand.« dtv

Leseproe unter:  https://www.dtv.de/_files_media/title_pdf/leseprobe-12267.pdf

NDR Kultur

Tolle und informative Buchempfehlunge findet ihr auf:
https://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/Buchempfehlungen-von-NDR-Kultur,buchtippsndrkultur100.html
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Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.